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Chaos um den Bierpinsel

Weil das Steglitzer Wahrzeichen zerbröselt, irren Fußgänger umher und Autos verstopfen Wohngebiete und Rettungswege - Die Linke hat Ideen zur Abhilfe

War es ein gutes oder schlechtes Omen, dass in der Wahlnacht des 20. September Teile vom Bierpinsel umherflogen? Schlecht deshalb, weil es die „Sünden“ der hiesigen CDU offenlegt und womöglich gut, weil wir die Chance auf eine grün-rot-rote Zählgemeinschaft haben, die sich dem Problem annimmt und eine dauerhafte Lösung im Interesse der Bürger*innen findet?

Nachdem das Areal rund um den Bierpinsel während den vergangenen fünf Wochen eher provisorisch abgesperrt war und die Leute innerhalb der Absperrung herumliefen, steht seit dem 21. Oktober ein Zaun um unser schönes Spekulationsobjekt. Und zwar ein recht langer Zaun, der die Gegend sehr weiträumig absperrt. Die Schildhornstraße ist ab Lepsiusstraße nicht mehr befahrbar, die Hochstraße gar nicht, von der Schloßstraße sind etwa 100 Meter so dilettantisch abgesperrt, dass Fußgänger*innen direkt in den Gegenverkehr laufen. Busse und Individualverkehr werden aus Richtung Innenstadt über die Schildhornstraße zur Lepsiusstraße umgeleitet, Anwohner und Passanten dürfen mitunter eine Kolonne mit fünf hintereinander fahrenden BVG-Bussen bestaunen und berichten teils von Irrfahrten der Feuerwehr und örtlicher Rettungsdienste durch Seitenstraßen.

Angeordnet wurde die Einzäunung vom amtierenden Baustadtrat Patrick Steinhoff (CDU). "Von Seiten der vom Eigentümer beauftragten Gutachter wurde dem Bezirksamt mitgeteilt, dass die Fassadenelemente nicht sicher sind. Eine Gefährdung der darunter liegenden öffentlichen Bereich ist damit nicht auszuschließen. Dies betrifft nun auch den „Bierpinsel“ als Bauwerk komplett", heißt es in einer Pressemitteilung zur Begründung. Soll im Klartext heißen: Da zerbröselt etwas. „Deshalb bleibt uns keine andere Wahl als eine Ausweitung der Absperrung zu verlangen. Vom Eigentümer erwarten wir Lösungen zu Sicherung des Bauwerks und Maßnahmen, die die Freigabe der betroffenen Bereiche ermöglichen. Der Eigentümer ist in der Pflicht, das Gebäude zu sanieren und einer Nutzung zuzuführen,“ so der CDU-Politiker. Zur Erinnerung: Ein paar hundert Meter weiter, am Kreisel, ist die Adler-Group seit über fünf Jahren „in der Pflicht“, den Schandfleck zu beseitigen. Herr Steinhoff sollte sich in die Pflicht nehmen, damit endlich etwas passiert!  

Zurück zum Bierpinsel. Während den vergangenen fünf Wochen konnten die Menschen, die an ihm vorbeihuschten, also froh sein, dass ihnen nichts auf den Kopf fiel. Nun also ein Zaun. Doch viel sicherer mach er die Gegend nicht gerade. Oder die Fassadenteile wissen ganz genau, wo und wie sie herunterfallen dürfen. An C & A vorbei führt ein ein Meter breiter Weg zur beliebten Bäckerei. Am Gebäude der Bäckerei an der Schildhornstraße ist der Weg einen halben Meter schmal und soll die Leute an C & A vorbei auf die Schloßstraße führen. Soll! Es gibt nämlich einen Durchschlupf, der geradezu mitten auf das gefährliche Areal führt und so irren Frauen, Männer und Kinder ratlos umher.

Gefahrenabwehr geht anders. Zum Beispiel am Rathaus Steglitz oder an unserem heiß geliebtem Skelett Kreisel. Da schützen stabile Überdachungen vor herabstürzenden Teile. Der Verdacht liegt nahe, dass der Eigentümer nur das absolut Nötigste getan hat und das Bezirksamt schaut wohl großzügig darüber hinweg. Für ein paar Tage wäre das Missgeschick hinnehmbar, doch wie die rbb-Abendschau berichtete, dauert die Behebung der Schäden eher Monate denn Wochen. Nun sollen “maßgeschneiderte” Baunetze Abhilfe schaffen - aber auch keine Lösung.

“Eigentlich” sollte der Bierpinsel nach Jahren des Leerstands Mitte 2025 wiedereröffnet werden, doch zum Jahresbeginn 2025 sprach der Eigentümer – der Bau-Investor Götz Fluck – jedoch von weiteren drei bis vier Jahren Wartezeit. Grund hierfür seien der ausstehende Bauantrag, die abschließende Klärung der Fassaden- und Dachgestaltung und sein Interesse, das bisher per Erbbauvertrag nutzbare Grundstück nachträglich zu erwerben. Entgegen der bisherigen Senatslinie, öffentliche Grundstücke nur in Ausnahmefällen zu privatisieren, käme das einem Tabubruch gleich.

Ein Vorschlag zur Güte: Da der Bierpinsel nun schon etliche Jahre vor sich hindümpelt und Fluck – der im übrigen auch in Lankwitz gegen einen ganzen Kiez mit der Immobilie des Einzelhandeszentrum Brieger Straße spekuliert – die Ideen für eine Nutzung ausgegangen sind, fordert Die Linke, dass sich der Bezirk in die Pflicht nimmt. Doch wegen Sanierungskosten in Höhe von vier Millionen Euro und der Haushaltssperre fürchten die verantwortlichen Bezirkspolitiker den Rückfall – so heißt die Abwicklung des Erbpacht-Vertrages – wie nichts Gutes. Wir fordern deshalb den Rückfall an den Bezirk bei Kostenübernahme durch das Land Berlin. Zudem wollen wir eine rote Liste für Investoren, mit denen das Land Berlin aufgrund der Gemeingefährlichkeit ihrer Spekulationen keine weitere Kooperationen eingeht. Damit Berlin wieder den Berliner*innen gehört!

Wenn dann in hoffentlich absehbarer Zeit der Bierpinsel wieder dem Bezirk gehört, möge er bitte dafür sorgen, dass sich interessierte Bürgerinnen, kluge Architektinnen und andere Menschen mit Sachverstand an einen Tisch setzen und ein nachhaltiges Nutzungskonzept ausarbeiten. Unsere BVV-Fraktion hat große Lust, an einem neuen Kapitel Bezirksgeschichte mitzuschreiben.

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