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Zitat

»Jeder Mensch, der arbeitet, hat das Recht auf angemessene und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert.«

 

Artikel 23/3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948

Vietnam: Eine kurze Reise durch ein spannendes Land

Fortsetzung

Nach zwei ruhigen Tagen auf einem Hügel mit weitem Blick über die weiten, hellgrün-feucht leuchtenden Reis-Felder des Mekong-Delta kommen wir nach einer langen Busfahrt durch eine dicht besiedelte Landschaft, in der jedes Fleckchen Erde entweder bebaut oder landwirtschaftlich genutzt ist, in Ho-Chi-Minh-Stadt an, der 9-Millionen-Metropole an.

Trotz des mörderischen Verkehrs, vor allem geprägt durch 5,5 Millionen Mopeds, Roller und Motorräder, was für Fußgänger nicht nur das Überqueren von Straßen, sondern auch das Benutzen der Bürgersteige zu einer steten Herausforderung macht, gefällt uns die Innenstadt mit ihren schönen Alleen und kleinen Parks gut. Die glitzernden Bankentürme, superfeinen Hotels und prächtigen Konsulate, hippen Cafés und einschlägigen Fast-Food-Ketten unterscheiden sich allerdings höchstens noch in der Zahl von den führenden Glitzermetropolen Asiens wie Bangkok oder Singapur.

Dennoch ist die jüngere Geschichte Vietnams – der französische Krieg (Indochina-Krieg) 1946 bis 1954 und der anschließende amerikanische Krieg (Vietnam-Krieg) bis 1975 – allgegenwärtig. Wir besuchen den Wiedervereinigungs-Palast, das War Remnants Museum und die Tunnel von Cu Chi nordwestlich von Ho-Chi-Minh-Stadt, überall sind sehr viele einheimische und ausländische Touristen. Diese Orte zu sehen, über ihre Geschichte zu hören und zu lesen, nimmt uns mit. Wir werden ergriffen von Entsetzen, Wut, Trauer, Bewunderung, Scham.

In Cu Chi sieht man unmittelbar, mit welch grauenvollen Mitteln der amerikanische Krieg geführt wurde und unter welch unfassbaren Bedingungen die vietnamesischen Kämpferinnen und Kämpfer hier gelebt, gearbeitet, gekämpft haben und gestorben sind. Sie lebten in einem engen Tunnelsystem unter der Erde, dessen Einstiege 60x80cm groß waren und in den Gängen nicht viel breiter. Jede weitere Beschreibung wirkt blass gegen die Wirklichkeit; jede und jeder, die oder der die Möglichkeit dazu hat, muss das selbst sehen.

Geradezu nüchtern wirkt dagegen das War Remnants Museum, in dem die Geschichte der Kriege mit Schrifttafeln und erschütternden Fotos erzählt wird. Erst dort erfahren wir z.B., dass Frankreichs Indochinakrieg bis zu 80% durch die USA mit Geld und Waffen finanziert wurde und dass auf der Genfer Indochina-Konferenz 1954 keineswegs die Teilung Vietnams beschlossen wurde. Kaum erträglich sind die Bilder der durch den massenhaften Einsatz des Dioxin-Giftes Agent Orange durch US-Bomber missgebildeten Kinder - und auch vieler US-Soldaten; auch heute noch wird dieses Gift im Erbgut transportiert und große Flächen sind nicht wieder aufforstbar oder landwirtschaftlich nutzbar, weil dieses Gift eine solch lange Halbwertszeit hat. Die USA haben die vietnamesischen Opfer nie entschädigt.

Dieser in jeder Hinsicht verbrecherische Krieg der USA wurde damals von Australien, Neuseeland und den US-Satelliten Südkorea und Thailand mit Truppen und von den meisten westlichen Staaten inklusive der Bundesrepublik Deutschland propagandistisch unterstützt. Vielleicht sollte man im Licht dieser Tatsachen Bushs Wort von der Achse des Bösen einmal neu betrachten.

Nach ein paar Tagen am langen Sandstrand von Mui Ne, in der hübschen Sommerfrische Da Lat mit ihren Kaffee-, Tee- und Blumenplantagen und in der historischen Hafenstadt Hoi An mit ihren alten Bürgerhäusern in chinesischer, japanischer und vietnamesischer Architektur überqueren wir per Zug den malerischen Wolkenpass, die Wetterscheide zwischen Norden und Süden, und quartieren uns bei Nieselregen in der alten Kaiserstadt Hue ein.

Dort schließen wir uns einer ganztägigen Tour in die „Demilitarisierte Zone“ (DMZ) an, begleitet von einem Guide, der den Krieg als Kind und Jugendlicher dort in der Nähe überlebt hat. Mit im Bus ist eine bunte Gesellschaft aus Spaniern, Skandinaviern, Chinesen, Deutschen und zwei US-Kriegsveteranen (!).Die DMZ ist ein 10 km breiter Streifen um den Fluss Ben Hai herum in der Nähe des 17. Breitengrades; sie wurde auf der Genfer Indochinakonferenz 1954 als Pufferzone zwischen den beiden vietnamesischen Landesteilen eingerichtet, die Vietminh-Truppen zogen sich in den Norden zurück, der Süden wurde dem Marionetten-Regime des Kaisers Bao Dai unterstellt. Für 1956 wurden Wahlen in ganz Vietnam vereinbart, und dann sollten beide Landesteile zum Staat Vietnam vereinigt werden.

Die Diem-Regierung im Süden verhinderte dort die Wahlen und begann die Vietminh-Anhänger zu verfolgen, wodurch letztendlich Vietnam weitere 21 Jahre lang geteilt blieb. Im amerikanischen Krieg klang die Bezeichnung „DMZ” eher sarkastisch, weil nun genau dort die blutigsten Schlachten und die schlimmsten Bombardements stattfanden.

Wir sehen dort einen Teil des Ho-Chi-Minh-Pfades, heute eine gewöhnliche Autostraße, und die oft zerstörten und wieder aufgebauten Brücken über den Grenzfluss, besuchen eine US-Artillerie-Stellung direkt an der ehemaligen Demarkationslinie mit großem Friedhof – die allermeisten Gräber anonym – und den großen Stützpunkt der US Marines bei KheSanh, Schauplatz einer der längsten und blutigsten Schlachten des Krieges, der nachträglich mit Bomber, Helikopter, Unterständen und anderem Kriegsmaterial zur Besichtigung ausgestattet wurde.

Der interessanteste Ort dort ist das gut erhaltene unterirdische Dorf Vinh Moc, das zum Schutz vor den US-Bombardements zunächst 10 m unter der Erde gegraben wurde und später, als die findigen Waffen-Ingenieure Bomben entwickelt hatten, die nicht auf der Oberfläche, sondern erst einige Meter tief in der Erde explodieren, noch einmal 10 bis 20 m tiefer und in dem bis Kriegsende tatsächlich mehrere hundert Menschen überlebten und sogar 17 Kinder geboren wurden.

Das wichtigste und beeindruckendsteist tatsächlich der Guide, ein echter Zeitzeuge, der ganz nüchtern, aber sehr intensiv über jene Zeit erzählt.

Ein wenig besorgt wegen der bedenklichen Wettervorhersage – Regen, Kälte – aber neugierig fliegen wir Montag nach Hanoi. Gleich hinter dem Roten Fluss beginnt die in den letzten Jahrzehnten von 3,5 auf 7 Millionen Einwohner gewachsene Stadt mit Wohnblocks, Vertretungen großer japanischer Konzerne, riesigen Verwaltungsgebäuden, KFC und Pizza Hut. Aber dann wird die Stadt individueller, deutlich anders als HCMC, mit vielen kleinen Geschäften und engen Straßen.

Die letzten 2,5 km gehen wir zu Fuß, umrunden zahlreiche Straßenküchen, Cafés, schicke und weniger schicke Geschäfte bis zum kleinen schmalen Hotel in einer Altstadt-Gasse. Die manchmal nur 3, maximal 4 m breiten, aber mehrstöckigen und oft recht langen Häuser sind charakteristisch, in der Stadt wie auf dem Land. Die Erklärung ist, dass die Höhe der zu entrichtenden Steuer für das Geschäft sich ausschließlich an der Länge der Straßenseite orientiert. Die Häuser beherbergen vorne die Verkaufsräume, dahinter ggf. Werkstatt, Wohnbereich und am Ende des langen Grundstücks am Fluss das Reisfeld der Familie.

Wir nutzen den Nachmittag, um das Herz von Hanoi, den Huan-Kiem-See mit der zentralen Pagode und das französische Viertel mit einigen recht unauffälligen Kolonialstil-Gebäuden und glänzend herausgeputzten Prachtbauten mit sündhaft teuren Geschäften französischer, italienischer und Schweizer Edelmarken und entsprechenden Hotels und Restaurants von außen zu betrachten. Die Luxuskarossen einschlägiger deutscher Automobilproduzenten sind in dieser Gegend besonders häufig zu sehen.

Wir besuchen das ehemalige Gefängnis Hoa Lo, 1901 von den französischen Kolonialbehörden für kriminelle und politische Häftlinge eingerichtet, am Eingang mit dem netten Namen "MaisonCentrale" versehen. Hier wurden tausende Männer und Frauen unter unmenschlichen Bedingungen gehalten, darunter viele nationalistische und kommunistische Kämpfer, Hunderte zum Tode verurteilt und mit der Guillotine hingerichtet. Im amerikanischen Krieg wurden in einem Teil des Gefängnisses US-Piloten festgesetzt, die den Abschuss ihrer Bomber über Nordvietnam überlebt hatten, darunter auch der spätere republikanische Präsidentschaftskandidat John McCaine. Die Piloten wurden sehr anständig behandelt und lebten besser als große Teile der vietnamesischen Bevölkerung und sicher deutlich angenehmer als ihre Kameraden imBodenkrieg. Sie wurden alle Anfang 1973 in Folge des Pariser Abkommens, mit dem die USA ihre direkte Beteiligung am Krieg beendeten, in ihre Heimat entlassen, während die nordvietnamesische Armee und die FLN (aka Vietcong) noch mehr als zwei Jahre gegen die weiterhin von den USA ausgerüsteten und beratenen Truppen des Südens kämpften - bis zur Befreiung Saigons am 30. April 1975.

Für Mittwoch - es regnet nur nachmittags - haben wir uns einen Deutschen als Stadtführer gesichert, der seit vielen Jahren hier lebt, mit einer Vietnamesin verheiratet ist und recht gut vietnamesisch spricht. Wir wollen nicht einfach Sehenswürdigkeiten abklappern, sondern das Alltagsleben sehen und ein wenig hinter die Kulissen schauen - und das bekommen wir auch. Er zeigt uns die engen Gassen der Altstadt, wo ganze Familien mit Oma direkt am Straßenrand in einem oder zwei Zimmern leben, während nebenan die typischen schmalen und hohen Neubauten hochgezogen werden für diejenigen,die es in die Mittelschicht geschafft haben. Wir schauen uns eine katholische Kirche an, eine sehr gepflegte buddhistische Pagode und den "Literaturtempel", in dem zu feudalistischen Zeiten die Verwaltungselite ausgebildet wurde.

Aber am interessantesten sind unsere Diskussionen über das gegenwärtige Vietnam, seine politische und wirtschaftliche Entwicklung, die Mischung von Religion (hauptsächlich chinesisch geprägter Buddhismus), Lebensphilosophie (Konfuzianismus) und Sozialismus und das Verhältnis der Nachkriegsjugend, die fast 80 % der Bevölkerung stellt, zur jüngeren Vergangenheit des Landes, zu China, zu den USA. Eine bezeichnende Geschichte dazu, für deren Wahrheit wir nicht garantieren: Bei einer Umfrage unter Vietnam-Jugendlichen zu ihrem größten Vorbild soll die überwiegende Mehrheit Bill Gates genannt haben.

Das Cliché vom fleißigen Asiaten wird hier überall und immer bestätigt; alle sind immer mit Arbeit beschäftigt. Da wird gebuddelt und gepflanzt, gegossen und gefegt, gekocht, abgewaschen, geschweißt, geschraubt, gemauert, gepinselt, wohin man auch schaut.

Dieser Arbeitseifer zeigt sich auch im stark wachsenden Tourismus-Geschäft. 2016 erwartet Hanoi 4 Millionen ausländische und 16 Millionen einheimische Touristen, Tendenz stark steigend, und Tripadvisor zählt Hanoi und HCMS zu den 20 besten Großstadt-Zielen der Welt.

Überall wird Vietnam bescheinigt, dass es sich rasant entwickelt. Aber die Hauptfrage ist: wohin? Das Straßenbild ist merkwürdig zweigeteilt. Zum einen ist die glänzend rote Nationalflagge mit dem goldenen Stern ebenso allgegenwärtig wie die rote Fahne mit Hammer und Sichel der Kommunistischen Partei. Zur Zeit unseres Besuchs sind alle Städte mit Fahnen und Spruchbändern zum XII. Parteikongress der KPV Ende Januar geschmückt. Zum anderen glänzen die Bankentürme, Hotels und Restaurants sind mit “Merry Christmas”-Girlanden geschmückt, in die Moped-Schwärme mischen sich große BMWs und Mercedes.

Fast 20 Jahre litt Vietnam unter dem Handelsembargo, das die USA nach dem amerikanischen Krieg verhängt hatte (vermutlich als Strafe für die Napalm-Bomben auf New York und die Zerstörung der Weizenfelder im Mittleren Westen durch Agent Orange). Die Konfrontation mit dem blutigen Regime der Khmer Rouge in Kambodscha und kurzzeitig auch mit China taten ihr Übriges, um Vietnam nach erfolgreicher Befreiung die Luft zum Atmen zu nehmen. Vermutlich zu radikal durchgeführte Verstaatlichungen und Kollektivierungen im Süden verschlechterten eher die wirtschaftliche Lage. Seit Mitte der 80er-Jahre gelang es, mit einer neuen ökonomischen Politik die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Niemand kann den Vietnamesen verübeln, dass sie nach einem guten Leben streben. Alle Anstrengungen sind auf wirtschaftliches Wachstum ausgerichtet, 2006 ist das Land der WTO beigetreten, um Handelsverträge abschließen und Investoren ins Land holen zu können. „Das südostasiatische Land punktet mit stabiler Wirtschaft, gutem Bildungsniveau und vor allem niedrigen Löhnen.“ [Spiegel Online, 04.08.2015]Vietnam gehört zu den Staaten, die vor wenigen Wochen das TTIP-ähnliche transpazifische Freihandelsabkommen TPP mit den USA unterzeichnet haben, und unterwirft sich damit den Regeln, die von den Großen gemacht werden.

Wir verlassen dieses großartige Land mit der großen Frage, die wir nicht beantworten können: Wenn Vietnam jetzt offenbar auf dem Weg zu einem kapitalistischen Musterstaat à la Südkorea ist, mit allen typischen Kennzeichen wie Bildung einer reichen Oberschicht, Öffnung der Schere zwischen arm und reich, von Konzerninteressen gesteuerte Politik, worin besteht dann der Lohn für die jahrzehntelangen aufopferungsvollen Kämpfe gegen imperialistische Mächte? Hätte es einen anderen Weg mit Aussicht auf Erfolg gegeben?