Im Studienkreis, der sich alle drei Wochen sonntags um 19.00 Uhr trifft, werden verschiedenste politische Bücher gelesen und diskutiert.
Termin und Thema stehen unter Termine; http://www.dielinke-steglitz-zehlendorf.de/politik/termine/
Die Treffen sind wie gewohnt in den Räumen der Linken.Tempelhof-Schöneberg, Feurigstr. 68 (an der Kolonnenstr.), S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke
Krise in Griechenland
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Papandreou
organisiert den „nationalen Überlebenskampf“
Als der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou Anfang März 2010
sein Sparprogramm verkündete, zweifelte man nicht mehr, dass etwas ganz
Großes auf dem Spiel stand. „Unser Land befindet sich im Kriegszustand“, in
einem „nationalen Überlebenskampf“. Ergänzend fügte er später hinzu: „Wir
müssen unsere Heimat, unsere Bürger und unsere Kinder vor der Gefahr eines
drohenden Staatsbankrotts bewahren.“
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Seine Worte fielen schärfer aus als jene, die Gerhard Schröder sieben Jahren
zuvor gebrauchte, als er die Sozialeinschnitte seiner Agenda 2010 verkündete.
Seine damaligen Attacken – die schwersten seit 50 Jahren - standen unter
dem Motto „Mut zum Frieden und Mut zur Veränderung“. Beide hatten das Volk
belogen, als sie das Gegenteil von dem taten, was sie als Oppositionsführer
versprochen hatten. Als Sozialdemokraten gehören sie der Sozialistischen
Internationalen an; Papandreou ist ihr Vorsitzender. Schröder wollte mit seinen
Sparmaßnahmen die Konkurrenzfähigkeit des in Deutschland tätigen Kapitals
verbessern, als ein Mittel zur weiteren Stärkung der Nation.
Papandreou sieht ebenfalls in der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit seines
Landes das Schlüsselproblem, nur die Situation ist extrem zugespitzt: Die hinter
der griechischen Nation verborgene kapitalistische Ordnung droht im Falle
eines Staatsbankrotts zusammenzubrechen. „Wir wollen nicht die Lehman
Brothers Europas sein“
wie ein Einzelkapital.
Wäre die Rettung Griechenlands nur ein polizeilich-militärisches Problem,
brauchte sich Papandreou nicht zu sorgen. Etwa 5 % des Staatsbudgets entfallen
nämlich auf Militärausgaben. Daran gemessen nimmt Griechenland im militärischen
Wittbewerb der Nationen einen Spitzen-Platz ein.
2. Die griechische Kapital-Nation soll nicht zusammenbrechen
Griechenland am Rande der Zahlungsunfähigkeit
Die Rettung Griechenlands ist vor allem ein ökonomisches Problem, das mehrere
Facetten besitzt. Zunächst geht es um die Linderung der akuten Finanznot.
Im April und Mai werden Schuldtitel von über 20 Milliarden Euro fällig.
Würden diese Verbindlichkeiten nicht durch die Emission neuer Staatsanleihen
getilgt, wäre der griechische Staat zahlungsunfähig. Papandreou kann keine
Gelddruckmaschine anwerfen, weil sich die EZB seinem direkten Zugriff entzieht.
Er verfügt nicht über die Atempause, die andere hoch verschuldete Länder
wie USA, Großbritannien oder Japan besitzen, indem sie ihre Notenbanken
zum Kauf von Staatsanleihen verpflichten. Papandreou ist unbedingt auf die
Kaufbereitschaft der Anleger des Kapitalmarkts angewiesen. Aber das Misstrauen
dort ist derart groß, dass die anstehende Emission griechischer Anleihen
zu scheitern droht.
Zur „Geiselhaft der Finanzmärkte“
Das Misstrauen lässt sich direkt an der Differenz zwischen den Renditen der
noch als relativ sicher geltenden deutschen Anleihen und den griechischen
Anleihen ablesen. Je nach aktueller Risikoeinstufung schwanken diese Differenzen
derzeit um etwa 3%-Punkte. Sollte die anstehende Emission überhaupt
zustande kommen, dann nur mit einem vergleichbaren Zinsaufschlag, so dass
der griechische Haushalt zusätzlich belastet würde.
Wenn Papandreou dies als eine „Geiselhaft der Finanzmärkte“ betrachtet,
dann macht er ein bloßes Symptom zur Ursache. Denn ohne kapitalistische
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Das tut richtig weh, Frankfurter Rundschau vom 4.3.2010
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Interview mit Papandreou in der FAZ vom 5.3.2010
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Krise, ohne die kostspieligen Staatsinterventionen gäbe es solche Spekulationen
gar nicht erst. Würden Geld und Kredit beseitigt, wären den Spekulanten
alle Aktionsmöglichkeiten genommen. Statt die kapitalistischen Voraussetzungen
für Spekulation auszuräumen, will Papandreou sie und damit die Spekulanten
retten. Ein Heuchler ist er.
Die Spekulanten stützen sich in ihrer Risikobewertung auf objektive Gegebenheiten
der Staatsverschuldung. Sie beuten diese miserablen Verhältnisse lediglich
aus, ohne sie durch ihre Aktionen geschaffen zu haben.
CDS
Die Dinge stehen nicht viel anders, wenn wir die Credit Default Swaps (CDS)
hinzunehmen, die wie eine Versicherung wirken und deren Preis mit dem Risikoaufschlag
der ihr zugrunde liegenden Staatsanleihe schwankt. Im Extremfall,
wenn also der griechische Staat seine Anleihen nicht mehr bedienen kann,
erhält der CDS-Besitzer den Nominalwert der wertlos gewordenen Anleihe vom
Sicherungsgeber erstattet, egal ob er die Anleihe besitzt oder nicht. In den
CDS wird lediglich das Ausfallrisiko in Gestalt eines handelbaren Wertpapiers
verselbständigt, welches immer als ein Risikomoment in jeder Anleihe steckt.
Durch diese Verselbständigung tritt lediglich das Interesse der Besitzer von
CDS stärker hervor: Statt die griechische Schuldenkrise zu verharmlosen oder
davon abzulenken, wie es die griechischen Politiker samt ihrer Statistikabteilungen
taten, konzentrieren sich die CDS-Besitzer darauf, heben sie das Pleiterisiko
hervor, um die Risikoprämie, also den Preis der entsprechenden CDS zu
stärken.
Zum Streit innerhalb der EU
Will Papandreou den Staatsbankrott verhindern, darf die Kreditquelle nicht
versiegen. Der Kapitalmarkt steht ihm nur sehr eingeschränkt zur Verfügung,
zur Gelddruckmaschine der EZB hat er keinen direkten Zugang. Der öffentliche
Kredit anderer Staaten ist die einzige noch verlässliche Kreditquelle, die ihm
geblieben ist. Hier nun tobt ein Streit, der an der Oberfläche nationalistische
Formen annimmt, dem Inhalt nach ökonomisch ist. Die Meinungen sind geteilt
wie die dahinter stehenden Interessen. Die Gegner von Staatshilfen stützen
sich juristisch auf die „No-bail-out-Klausel“ aus Artikel 125 des Vertrags zur
Währungsunion, worin die Haftung anderer Mitgliedsstaaten für Schulden eines
Euro-Staates ausdrücklich ausgeschlossen wird.
„Wenn die Klausel verletzt wird, dann gibt es kein Halten mehr, warnt der frühere
EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing. Weitere Kandidaten für Hilfen stünden
vor der Tür. Helfen wir, ergänzt der Vorsitzende des Sachverständigenrats
Wolfgang Franz, „dann müssen die Steuerzahler anderer Länder dafür aufkommen,
dass Griechenland bewusst und jahrelang über seine Verhältnisse
gelebt hat.“
heizt die Presse weiter an. Die Statue der Aphrodite, die einen „Stinkefinger“
zeigt, dazu der Text „Betrüger in der Euro-Familie“ waren ein deutscher Höhepunkt,
worauf das Hakenkreuz an der Siegessäule („Finanznazitum bedroht
Europa“) als ein griechischer Höhepunkt folgte.
„Die EU muss Griechenland retten, um einen Dominoeffekt zu verhindern“,
sonst würden auch andere Staaten bald insolvent, meinen Hans Werner Sinn,
Präsident des ifo Instituts und Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen
Weltwirtschaftsinstituts. Sie denken dabei an die Staatsanleihen, die
deutsche Banken und Versicherungen von Europas größten Risikoländern in
ihren Depots haben. Griechenland mit seinen 300 Milliarden Euro Schulden
ließe sich vielleicht noch verkraften, nicht aber, wenn die griechische Pleite
spanische, portugiesische, italienische etc. Pleiten nach sich zöge.
3 Der freche Grieche soll für sein Leben in Saus und Braus büßen,
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FAZ vom 11.2.2010
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Papandreou im Schuldenpoker
Solche möglichen Kettenreaktionen stärken die Verhandlungsmacht Papandreous,
die Kreditquellen Länder für den griechischen Staat zu öffnen. Dies gilt
umso mehr, als die Stabilität der gesamten Eurozone davon abhängt, wodurch
sich für die anderen Euo-Länder ein mächtiger Druck für Finanzhilfen ergibt.
Papandreous Reisen nach Luxemburg, Paris, Berlin und Washington standen
ganz im Zeichen des Schuldenpokers. Zur Vorbereitung ließ er den Vorstandsvorsitzenden
der Deutschen Bank, Josef Ackermann, nach Athen kommen. Die
offen zur Schau gestellte herzliche Begegnung mit US-Präsident Obama diente
den Euro-Staaten als Warnung, dass Griechenland auch anderweitige Hilfe in
Anspruch nehmen könnte. Finanzhilfen bietet beispielsweise der IWF an. Würde
Papandreou diese Hilfe in Anspruch nehmen, würden die USA über den
IWF unmittelbaren Einfluss auf die Euro-Zone erhalten. Das wollen weder
Frankreich noch Deutschland. Mit dem Vorstoß zur Gründung eines Europäischen
Währungsfonds (EWF) will die deutsche Regierung diesen möglichen
US-Einfluss verhindern. Wie das Poker-Spiel der Staaten ausgehen wird, ist
noch offen.
Lohnverzicht um der Nation willen?
Papandreou will das Haushaltsdefizit von 12,7% des Bruttoinlandsprodukts in
2009 auf 8,7% in 2010 und später auf unter 3% drücken. Der sich hinter solchen
nackten Zahlen verbergende Angriff auf die breiten griechischen Massen
ist so gewaltig, dass er frühzeitig in einen „nationalen Überlebenskampf“ umgemünzt
werden muss, soll der Kampf nicht verloren gehen. „Das Volk ist um
der Heimat willen zu Opfern, zu Lohnverzicht bereit“, rief Papandreou martialisch
aus.
im Volumen von 10 Milliarden Euro sollen weitere 4,8 Milliarden eingespart
werden. Den 730.000 Staatsbediensteten kürzt die Regierung das 13. Monatsgehalt
und das zu Weihnachten fällige 14. Gehalt jeweils um 30%. Die Zulagen
– oftmals höher als das Grundgehalt – sinken um 12%. Solche Kürzungen hätten
Signalcharakter für entsprechende Lohnsenkungen in der Privatwirtschaft.
Zudem werden die Renten eingefroren. Die realen Löhne und Sozialeinkommen
sinken noch stärker, weil die Regierung zugleich eine Erhöhung preistreibender
indirekter Steuern beschloss: Anhebung der Mehrwertsteuer von 19 auf
21%, Steuern auf Benzin, Autos, Zigaretten und Alkohol.
Die griechischen Arbeiter und Erwerbslosen lassen sich von den nationalen
Phrasen ihres Präsidenten nicht beeindrucken. Sie stellen sich mehr und mehr
gegen die kapitalistische Nation. Massendemonstrationen und Massenstreiks,
die bereits Ende 2008 einen ersten Höhepunkt hatten, danach immer wieder
aufflammten, verstärken sich angesichts solcher unverschämter Regierungsangriffe.
Sie machen deutlich, dass der Generalangriff von Kapital und Staat zu
einer Generalabrechnung mit dem ganzen kapitalistischen System führen
könnte.
Nicht nur Papandreou wirft den Untertanen den Fehdehandschuh hin. Regierungen
anderer Länder bereiten vergleichbare „nationale Überlebenskämpfe“
vor. Die große Krise mit ihren großen Staatsinterventionen hat überall vergleichbare
Haushaltslöcher gerissen, die durch „Klassenkampf von oben“ gestopft
werden sollen. Die griechischen Massenstreiks weisen uns die Zukunft.
4 Zusätzlich zu den bereits im Januar beschlossenen Sozialeinschnitten
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Tagesspiegel vom 2.3.2010
Einige Grundbegriffe der marxistischen Theorie des Finanzkapitals
Die Kapitalbewegung: Geld wird zu mehr Geld
Reich werden, heißt zu Geld kommen. Geldvermögen ist diejenige Art von Reichtum, die es erlaubt, nach Maßgabe des Vermögens alles Käufliche zu erwerben. Und bekanntermaßen wird im Kapitalismus möglichst alles zur käuflichen Ware gemacht. Geld ist, so bringt es Karl Marx auf den Punkt, "der Gott unter den Waren" (K. Marx: MEW, Band 42, S. 148).
Geldvermögen vermag sich jederzeit in jede andere Reichtumsform, auch und vor allem in Produktionsmittel, zu verwandeln. Die Anhäufung von Geld oder die Sammlung von Produktionsmitteln ist aber noch kein Kapital. Über die historischen Existenzbedingungen des Kapitals schreibt Karl Marx, dass sie "durchaus nicht da (sind) mit der Waren- und Geldzirkulation. Es entsteht nur, wo der Besitzer von Produktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäufer seiner Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet, und diese eine historische Bedingung umschließt eine Weltgeschichte." [K. Marx: MEW, Band 23, S. 184]
Damit drückt Marx aus, dass das Kapital ein gesellschaftliches Verhältnis ist. Zu Kapital werden Geld und Maschinen erst, wenn die Werte in Bewegung kommen; eine Bewegung, in der das Kapital verschiedene Formen durchläuft. Marx spricht davon, dass der Wert "unter dem beständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert, ... sich selbst verwertet" (MEW 23, S. 169). Das anfängliche Geld wird für die Produktion in Produktionsmittel und in Lohn für die beschäftigten Arbeitskräfte verausgabt. In der Produktion werden diese Kapitalwerte in neue Waren, in neue Werte umgewandelt. Im Verkauf werden diese Werte in Geld zurück verwandelt, und zwar, das ist das Wesentliche des Kapitalprozesses, in mehr Geld. lm Prozess der Kapitalbewegung wird Mehrwert erzeugt.
Der Mehrwert kommt zustande, weil die Ware Arbeitskraft über eine einzigartige Qualität verfügt. Der Wert aller Waren, auch der Arbeitskraft, bestimmt sich nach ihren Reproduktionskosten. Doch anders als bei Produktionsmitteln, Hilfsstoffen und Rohstoffen wird durch die Arbeitskraft "nicht nur ihr eigner Wert reproduziert, sondern überschüssiger Wert produziert. Dieser Mehrwert bildet den Uberschuss des Produktenwerts über den Wert der verzehrten Produktionsbildner, d.h. der Produktionsmittel und der Arbeitskraft“ (Karl Marx: MEW, Band 23, S. 223). Dass der Kapitalist seine vorgeschossene Geldsumme G im Verlauf der Kapitalverwertung auf G' vergrößern kann, liegt einzig daran, dass das Produkt, das die Arbeiter erzeugen, den Wert ihrer Arbeitskraft übersteigt.
Die Eigentümer der Produktionsmittel sind die Dirigenten der Produktion und damit des gesamten Ka-pitalprozesses. Sie bestimmen grundsätzlich Einsatzbereiche, Ziele und Bedingungen des Produktionsprozesses. Als Kapitaleigentümer und Dirigenten des Verwertungsprozesses bleibt ihnen nach Auszahlung aller Kosten für Produktionsmittel, Material und Arbeitskräfte der von den Arbeitern in diesem Prozess geschaffene Mehrwert. Wer über Macht und Kapital - kurz: über ökonomische Macht - verfügt, dem erwächst dadurch auch politische Macht. Das gemeinsame Interesse des "großen Geldes" bildet die Basis für eine machtvolle Lobby, die nicht nur die Politik, sondern auch die öffentliche Meinung und die Orientierung der gesamten Gesellschaft beeinflusst.
Das Wesen des Zinses
Der Geldbesitzer, der sein Geld als zinstragendes Kapital verwerten will, verleiht es an einen Unternehmer. Dieser investiert es als kommerzielles Kapital im Warenhandel oder in industrielles Kapital. Erst dadurch wird das Geld zu Kapital. "Diesen Gebrauchswert des Geldes als Kapital - die Fähigkeit, den Durchschnittsprofit zu erzeugen - veräußert der Geldkapitalist an den industriellen Kapitalisten für die Zeit, während deren er diesem die Verfügung über das verliehne Kapital abtritt.“ (K. Marx: MEW, Band 25, S. 364)
Nachdem das Geld als Kapital fungiert hat, kehrt es - bei erfolgreicher Bewegung G - G' - zu seinem ursprünglichen Besitzer zurück. Dieser erhält die vorgeschossene Kapitalsumme plus den Profit, den realisierten Mehrwert. Außer der vorgeschossenen Kapitalsumme aber hat der Kreditnehmer noch Zinsen an den Besitzer des Geldes zu zahlen. Der Zins ist der Preis dafür, dass der Kreditnehmer das Leihkapital zur Ausweitung der Produktion und damit zur Produktion von zusätzlichem Profit nutzen kann. Der Zins ist quasi die Leihgebühr für das zur Verfügung gestellte Kapital. Über Zinsen fordert das Geldkapital seinen Anteil am Mehrwert.
Marx schreibt in seiner Arbeit über den Zins: "Er ist bloß ein Teil des Durchschnittsprofits. Dasselbe Kapital erscheint in doppelter Bestimmung, als leihbares Kapital in der Hand des Verleihers, als industrielles oder kommerzielles Kapital in den Händen des fungierenden Kapitalisten. Aber es fungiert nur einmal und produziert selbst den Profit nur einmal, im Produktionsprozess selbst spielt der Charakter des Kapitals als verleihbares keine Rolle. Wie sich die beiden Personen darin teilen, die Ansprüche auf diesen Profit haben, ist an und für sich eine ebenso rein empirische, dem Reich des Zufälligen angehörige Tatsache." (a.o.O., S. 372 /376) Marx weist schon damals darauf hin, dass es "zur Verselbständigung des Zinses gegen den Profit“ kommen kann. (a.o.O., S. 370) Eben diese "Verselbständigung" des Zinses markiert die moderne, aktuelle Periode des Finanzkapitals.
Die Entwicklung des Kreditwesens
Mit der Entwicklung der großen Industrie konnten die notwendigen Kapitalvorschüsse immer weniger durch die privaten Einzelkapitale aufgebracht werden. Über die Aufnahme von Krediten, vor allem bei den zentralen Geldsammelstellen, den Banken, verschaffte sich die Industrie die Mittel für Investitionen. Diese Kredite, die für Investitionen in der Produktion aufgenommen werden, ermöglichen die Ausweitung der Produktion und können so zur Vermehrung des gesellschaftlich geschaffenen Reichtums beitragen.
Wenn allerdings - wie es heute der Fall ist - wachsende Teile des Kapitals in die Spekulation mit Wertpapieren und Devisen fließen, wenn ein enormer Teil der Kredite der Finanzierung von Spekulationsgeschäften dient, kommt dies einem Abzug von möglichen Investitionen in die Ausweitung der Produktion gleich. In der Folge wächst der gesellschaftlich produzierte Reichtum weit weniger als das möglich wäre. Zuwachs an privatem Kapitalreichtum und Verluste an gesellschaftlichem Reichtum sind die gegensätzlichen Seiten ein- und desselben Prozesses.
Weil mit dem Kredit die bestehenden wirtschaftlichen Grenzen hinausgeschoben werden konnten, spielte er eine immer größere Rolle in der Organisation der Produktion. Zudem wurde das Geldvermögen nicht mehr von einzelnen Eigentümern vertreten, sondern durch die Banken vermittelt, so dass die Banken über die konzentrierten Geldersparnisse aller Klassen der Gesellschaft verfügten. Das Geldkapital trat als kon- zentrierte, organisierte Masse unter Kontrolle der Banken auf. Als Folge dieser Entwicklung begannen die Banken, in der Industrie große Summen für zunehmend längere Zeitdauer anzulegen.
Fiktives Kapital
Produzierendes Kapital und zinstragendes (Geld-)Kapital sind reale Größen, die reale Werte von Anlagen und Geldmengen beschreiben. Für die kapitalistische Finanzwirtschaft und für die Spekulation hat sich im Lauf der Zeit das "fiktive Kapital" in Form von Wertpapieren und vor allem Aktien als immer bedeutendere Einrichtung herausgestellt. Auf der einen Seite finden wir das wirkliche Kapital, das vom Geldbesitzer an ein Unternehmen geflossen ist und von diesem eingesetzt wird, auf der anderen Seite haben die Geldbesitzer mit den entsprechenden Wertpapieren und Aktien Ansprüche auf Zins- bzw. Dividendenzahlungen erworben. Es sind diese zirkulierenden Ansprüche, die Marx als „fiktives Kapital" beschreibt: "Die Form des zinstragenden Kapitals bringt es mit sich, dass jede bestimmte und regelmäßige Geldrevenue als Zins eines Kapitals erscheint, sie mag aus einem Kapital entspringen oder nicht. Erst wird das Geldeinkommen in Zins verwandelt, und mit dem Zins findet sich dann auch das Kapital, woraus es entspringt" (MEW, Banid 25, S. 482). Wenn Marx von "fiktivem Kapital" spricht, dann meint er nicht, dass diese Ansprüche prinzipiell nicht eingelöst werden könnten. Er hebt vielmehr auf den Umstand ab, dass das wirkliche Kapital nur einmal beim Kauf der Aktien und Anleihen vorgeschossen wird. Die von den Geldbesitzern mit den Wertpapieren erworbenen Ansprüche sind deshalb "fiktiv", weil ihr "Wert" nichts mit der Wertsumme zu tun hat, die ursprünglich für die Ansprüche bezahlt wurde, sondern ein reiner Rechenwert ist, der im wesentlichen auf Gewinnerwartungen beruht.
Das klassische fiktive Kapital ist das Aktienkapital. Die Aktienkurse sind eine Kapitalisierung der zu erwartenden Dividendenflüsse bzw. der Profitabilität des Unternehmens, also seiner Dividendenpotenz. Mit dem Realpreis der eingesetzten Kapitalgüter etc. hat das Aktienkapital wenig zu tun. Der Aktienwert einer Firma ist im Grunde die Kapitalisierung (der Wert der in der Zukunft fälligen Einnahmen) all der Werte und Zahlungsströme, die der Anleger hofft, kurz-, mittel-oder langfristig aus der Firma herausholen zu können. Fiktives Kapital ist auch das manchmal in der bürgerlichen Vermögensstatistik notierte Rentenvermögen: die Kapitalisierung der schon erworbenen, aber erst im Rentenalter fälligen Rentenzahlungen. Bei einer Vielzahl der üblichen Finanzgeschäfte an den Börsen (und auch außerhalb) geht es um den 21 Verkauf und Weiterverkauf von Optionen und Rechten, etwa auf gleich bleibende Devisenkurse, auf zukünftige Kauf- und Verkaufsrechte zu bestimmten Preisen von Waren und Wertpapieren. All diese Handelsvolumina sind fiktives Kapital.
Das Finanzkapital
Der Kreislauf des industriellen Kapitals (Warenhandel, Spedition, Dienstleistungen eingeschlossen) bestimmt letztlich den Verwertungsprozess des gesamten Kapitals, weil nur hier die Produktion von neuem Wert, von Mehrwert, stattfindet.
Im Zusammenhang und in Abhängigkeit vom Verwertungsprozess des industriellen Kapitals verfolgt der Verleih von Geldkapital oder die Investition in Wertpapiere das Ziel, sich einen Teil des Mehrwerts in Form von Zinsen, Dividenden oder Kursgewinnen anzueignen. Diese Erscheinungsformen des Kapitals - die Formen des zinstragenden und des fiktiven Kapitals - werden in der heutigen Diskussion häufig als Finanzkapital bezeichnet. In dieser Sichtweise besteht dann ein Konflikt zwischen dem industriellen Kapital und dem Finanzkapital als zwei getrennten und einander gegenüberstehenden Sphären der Wirtschaft.
Im Unterschied zu diesem Verständnis von Finanzkapital knüpfen wir an die Debatte an, die Anfang des 20. Jahrhunderts begann und mit den Namen Rudolf Hilferding und W. I. Lenin verbunden ist.
In den Jahren vor dem 1. Weltkrieg fand eine intensive Diskussion in den marxistischen Zirkeln über die gewachsene Rolle der Banken und die Herausbildung von Monopolen statt. Rudolf Hilferding leistete mit seiner Arbeit "Das Finanzkapital" einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der marxistischen Theorie, auf den später u.a. Lenin mit seiner Imperialismustheore aufbaute. Hilferdlng arbeitete die neue Rolle der Banken und ihre Verflechtung mit der Industrie in dieser neuen Etappe des Kapitalismus heraus. Er analysierte, wie der Aufstieg der Aktiengesellschaften sowohl eine massive Konzentration von ökonomischer Macht als auch eine Konzentration in der Produktion bedeutet. In Hilferdings Worten: „Das Finanzkapital bedeutet die Vereinheitlichung des Kapitals. Die früher getrennten Sphären des industriellen, kommerziellen und Bankkapitals sind jetzt unter die gemeinsame Leitung der hohen Finanz gestellt, zu der die Herren der Industrie und der Banken in inniger Personalunion vereint sind.“ (R. Hilferding: Das Finanzkapital, S. 408)
Rudolf Hilferding
Das Finanzkapital - Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus
(Großteils um 1905 in Wien verfasst, aber erst 1910 in Deutschland abgeschlossen und publiziert)
"Ein immer wachsender Teil des Kapitals der Indus- trie gehört nicht den Industriellen, die es anwen- den. Sie erhalten die Verfügung über das Kapital nur über die Bank, die ihnen gegenüber den Ei- gentümer vertritt. Andererseits muss die Bank ei- nen immer wachsenden Teil ihrer Kapitalien in der Industrie fixieren. Sie wird damit in immer größerem Umfang industrieller Kapitalist. Ich nenne das Bankkapital, also Kapital in Geldform, das auf diese Weise in Wirklichkeit in industrielles Kapital verwandelt ist, das Finanzkapital (...) Ein immer größerer Teil des in der Industrie verwen- deten Kapitals ist Finanzkapital, Kapital in der Verfügung der Banken und in der Verwendung der Industrie. Das Finanzkapital entwickelt sich mit der Entwicklung der Aktiengesellschaft und erreicht seinen Höhepunkt mit der Monopolisie- rung der lndustrie (...) Haben wir gesehen, wie die Industrie immer mehr in Abhängigkeit gerät vom Bankkapital, so bedeutet das durchaus nicht, dass auch die Industriemagnaten abhängig wer- den von Bankmagnaten. Wie vielmehr das Kapital selbst auf seiner höchsten Stufe zum Finanzka- pital wird, so vereinigt der Kapitalmagnat, der Finanzkapitalist, immer mehr die Verfügung über das gesamte nationale Kapital in der Form der Beherrschung des Bankkapitals. Auch hier spielt die Personalunion eine wichtige Rolle." (Hilfer ding, S. 305/306) "Das Finanzkapital bedeutet die Vereinheitlichung des Kapitals. Die früher getrennten Sphären des industriellen, kommerziellen und Bankkapitals sind jetzt unter die gemeinsame Leitung der hohen Finanz gestellt, zu der die Herren der Industrie und der Banken in inniger Personalunion vereint sind. Diese Vereinigung selbst hat zur Grundlage die Aufhebung der freien Konkurrenz des Einzelkapitalisten durch die großen monopolistischen Vereinigungen. Damit ändert sich naturgemäß auch das Verhältnis der Kapitalistenklasse zur Staatsmacht." (Hilferding, S. 408)
Quelle: Finanzkapital isw-report 75 September 2008
www.isw-muenchen.de